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Predigt zum Sonntag Cantate

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen

Ps 98: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Der Herr lässt sein Heil kund werden; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.

Jauchzet dem Herrn alle Welt, singet, rühmet und lobet! Lobet den Herrn mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel! Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem Herrn, dem König!

Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn, denn er kommt das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Liebe Gemeinde!
Zuerst aber liebe Mütter und Großmütter, liebe Urlis: Ein schönes Fest heute, dieser Muttertag. Überhaupt dann, wenn Sie den Mist schon weggeräumt haben, den die lieben Kinder beim Bereiten des Frühstücks hinterlassen haben, und vollends, wenn Sie tatsächlich noch einen Platz im Wirtshaus ergattert haben. Und dann kommen wieder zwölf Monate Normalität. Trotzdem: Ein schönes Fest heute. Nämlich hier, unser Gottesdienst. All die Sängerinnen und Sänger, die Damen und Herren an den Instrumenten, besonders aber Sie, liebe Gemeinde. Denn an diesem Sonntag sind Sie eingeladen, mehr zur Gestaltung der Feier beizutragen als gewohnt. Sie singen an mehr Stellen der Liturgie als sonst, Sie tun sich leichter bei den Liedern, weil Sie heute besondere Unterstützung und Begleitung erfahren. Und dann kommen wieder zwölf Monate Normalität. Nein, hoffentlich nicht!

Der Sonntag Cantate soll der Anstoß sein für mehr Freude am Singen, mehr Begeisterung beim Mittun im Gottesdienst. Ein evangelischer Gottesdienst ist nämlich nicht nur Arbeitsbeschaffung für den Pfarrer, sondern ein Fest der ganzen Gemeinde. Der Psalm, der unserer Predigt zugrunde liegt, fordert uns zum Singen, zum Jauchzen, zum Gott loben auf. Da ist aber nicht nur ein Tag im Jahr gemeint, sondern eine Grundeinstellung, die in jeder Feier zum Tragen kommen soll, und darüber hinaus immer wieder im täglichen Leben herausbricht. Also warten wir mit dem kräftigen Gesang nicht wieder bis zum nächsten Mai, sondern versuchen wir schon an den kommenden Sonntagen uns hörbar einzubringen.

Singet dem Herrn ein neues Lied! fordert uns der Psalmist auf. Und tatsächlich haben wir heute schon Neues gesungen und werden noch weiteres anstimmen. Daneben haben wir aber auch die altbekannten Weisen erklingen lassen, und das ist auch gut so. Denn seit vor bald 3000 Jahren dieser Psalm erstmals ertönt ist, haben unzählige Dichter und Komponisten Werke geschaffen, die dasselbe Ziel hatten wie der Beter des 98. Psalms: Es geht darum, dass Gott gelobt wird für das, was er uns Menschen bietet. Was uns der göttliche Vater, oder wenn Sie wollen, die göttliche Mutter, oder auch beides zusammen, bietet, hören wir das ganze Jahr über in den Gottesdiensten.

In unserem Predigttext wird neben der Gnade und Treue vor allem eines hervorgehoben: Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist. Der Psalmist geht mit seinen Gedanken über das Ende unseres Lebens auf der Erde hinaus, über das Leben des Einzelnen wie über das der gesamten Menschheit. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist. So sah es der alttestamentliche Beter. Seither haben sich viele Denker dieses Themas bemächtigt. Und die meisten waren getrieben vom schlechten Gewissen einerseits und von mangelndem Gottvertrauen auf der anderen Seite. Deshalb entstanden die Bilder, die Künstler vom Mittelalter bis in die Barockzeit hinauf an unzählige Kirchenwände gepinselt haben. Die Bilder, wo Massen von jammernden Gestalten in der Glut des Höllenfeuers schmachten, von teuflischen Gestalten massakriert, ein paar Auserwählte aber lugen aus den Wolken am Himmel selig hervor.

Die Reformatoren haben versucht, dieses Bild zu korrigieren und auf das hinzuweisen, was in unserem Psalm steht: Der Herr lässt sein Heil kund werden; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Vor 500 Jahren hat Martin Luther mit seinen Thesen einen der ersten Schritte unternommen, um wegzutreten von den Bildern göttlichen Gemetzels und hinzuweisen auf die Gnade, die uns zu Teil wird. Dass sich diese Erkenntnis nicht überall durchgesetzt hat, schildert ein Witz, den ich im Fernsehen gehört habe. Ich traue ihn mir hier nicht zu erzählen, aber wer ihn hören möchte, kann mich ja nach dem Gottesdienst fragen. Aber eine Karikatur, die ich als Student gesehen habe, schildert anschaulich das, was uns nicht nur der Psalmist, sondern vor allem auch das ganze Neue Testament sagen will. Leider habe ich das Bild verloren, aber es ist einfach in Worte zu fassen. Ein Mönch sitzt im Lehnstuhl und liest die Heilige Schrift. Natürlich ist er barfuß. Aber seine Füße ruhen auf einem Fell. Es ist die gegerbte Haut des Teufels, der alle Viere und seine lange Zunge ausstreckt, nur die Hörner ragen ein bisschen in die Höhe.

Das Wort Gottes räumt also auf mit allen Teufeleien. Gottes Gerechtigkeit ist nicht auf Rache aufgebaut. Gott will das Recht zum Sieg führen, ohne dabei verbrannte Erde und verkohlte Menschen zu hinterlassen. Und dass Recht und Gerechtigkeit nicht erst nach unserem Tod oder nach dem Ende der Menschheit regieren, dafür nimmt er uns in die Pflicht. Wir hier sind die, die die Gerechtigkeit Gottes auf Erden sichtbar machen können. das beginnt mit unserem Verhalten im täglichen Leben, geht weiter mit unserer Einflussnahme auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, und zeigt sich an einem Punkt ganz besonders. Und den erleben wir gerade jetzt: Wir betonen im Gottesdienst, dass wir zusammengehören, dass wir zusammenhalten, dass wir gemeinsam an dieser Gerechtigkeit arbeiten wollen. Deshalb singen wir unsere Lieder, sprechen unsere Gebete und tauschen unsere Gedanken aus.

Das alles tun wir aber nicht für uns, nicht um uns bessere Chancen für die Zeit nach unserem Erdendasein zu sichern Nein, es geht darum, unseren Mitmenschen, unserer Mitwelt, unserer Mitschöpfung die Gnade, Treue und Gerechtigkeit Gottes sichtbar zu machen. Dann sind wir dort, wo uns der Psalmist haben will: Es jauchzt dem Herrn alle Welt, das Meer kann brausen samt dem, was darinnen ist, und die Berge sind fröhlich. Einen Vorgeschmack davon bekommen wir schon heute, wenn sich stellvertretend für die gesamte Schöpfung unsere Stimmen mit dem Klang der Instrumente zum Lob Gottes vereinen. Dazu wünsche ich uns allen große Begeisterung. Amen

Wilfried Salber